Prag - Das jüdische Viertel

Früh am Morgen gehört die Karlsbrücke nur den PragerInnen

 

Guten Morgen! Das liebliche Bimmeln unseres Reiseweckers hat uns soeben geweckt. Nach der Morgenwäsche zieht es uns sogleich zum Frühstücksbuffet unter dem Dach. Es ist jetzt gerade 7:10 Uhr und die Türen sind fest verschlossen. Zappenduster - keiner da.

Ok, wir haben Verständnis für die arme Seele von Kellner - was bleibt uns denn auch anderes übrig - und begeben uns zuerst zur Rezeption und danach ins Zimmer zurück.

Eine ½ Stunde später informiert uns die Rezeption „Das Frühstück ist fertig” - Danke, sehr nett - und danach steht auch wirklich nichts mehr zwischen uns und der morgendlichen Labung unter dem Dach.

Nach obenDie Pinkassynagoge und der alte jüdische Friedhof

alter jüdischer Friedhof
Iconalter jüdischer Friedhof

 

Pinkassynagoge

 

Die tschechische Hauptstadt und die jüdische Welt, das gehört einfach zusammen. Eindrucksvoller Mittelpunkt ist der jüdische Friedhof. Er gilt zurecht als eine der prächtigsten Sehenswürdigkeiten von Prag und genau vor seinem Eingang stehen wir nun. Das All-Inklusive-Ticket kostet pro Person (inklusive Fotografiergebühr für den Friedhof - wo anderes darf man eh nicht fotografieren) Kc 500.- (von wohlfeil kann leider nicht die Rede sein).

Gleich neben dem Eingang liegt die Pinkassynagoge, welche wir nun betreten. Sie ist eines der wertvollsten prager Architekturdenkmale aus der Spätrenaissance und zugleich ein erschütterndes Mahnmal des Holocaust. Neben den mehr als 75.000 Namen ermordeter Juden (von weiter weg betrachtet sieht man nur das schwarz/rote Muster der Vor- und Familiennamen - je mehr man sich der Wand nähert, desto klarer wird jeder einzelne Namen erkennbar - sehr bedrückend) werden Malereien und Zeichnungen von Kindern aus Konzentrationslagern gezeigt.

alter jüdischer Friedhof

 

alter jüdischer Friedhof
Iconalter jüdischer Friedhof

 

alter jüdischer Friedhof

 

Wir sind hier fast ganz alleine und lassen die Stille auf uns wirken. Einzig ein paar ältere Damen und Herren patroullieren zyklisch an uns vorbei, immer darauf achtend, dass wir ja keine Fotos machen. Der kalte frische Wind beim Hinausgehen tut gut und bringt uns gleich wieder auf andere Gedanken. Wir betreten nun den alten jüdischen Friedhof samt unserer Fotografiererlaubnis.

Der Friedhof selbst ist stark verwinkelt und bedeckt gerade einmal die Fläche eines Fußballfeldes. Trotzdem gruppieren sich hier teils in heillosem Durcheinander mehr als 11.000 Grabsteine und Grabplatten und schätzungsweise 200.000 Gräber. Das älteste Grab auf dem jüdischen Friedhof stammt aus dem Jahre 1439 - die letzte Beerdigung fand rund 350 Jahre später, im Mai 1787 statt.

Was man vielleicht für „kunstvoll arrangiert” interpretieren könnte, entstand aus purer Platznot. Weil auf dem jüdischen Friedhof Gräber nicht nach einer bestimmten Zeit „aufgelassen” wurden, musste jahrhundertelang neue Erde aufgeschüttet werden. Als Ergebnis liegen die Toten nun in bis zu 9 Schichten übereinander und somit die Steine auf engstem Raum neben und über einander.

alter jüdischer Friedhof
Iconalter jüdischer Friedhof

 

alter jüdischer Friedhof

 

Das bekannteste Grab des Friedhofs gehört dem 1609 gestorbenen Schöpfer des legendären Golems, Jehuda Liwa ben Bezallel, genannt Rabbi Löw. Beim Schlendern auf den befestigten Wegen so zwischen den vielen Grabplatten fallen uns immer wieder kleine Steine auf den Gräbern auf. Warum legen Juden Steine auf Gräber?

Eine eindeutige Erklärungen für diesen Brauch haben wir im Internet nicht gefunden. Oft wird dieser Brauch als Relikt aus der Zeit der Wanderungen der Israeliten durch die Wüste bezeichnet, wo die Gräber vor Aasfressern befestigt werden mussten. Eine weitere Erklärung beschreibt den Stein als Zeichen, dass am Lebenswerk des Toten weiter gebaut wird.

Eine andere Erklärung ist, dass Steine zeigen sollten, dass jemand da war. Besonders viele Steine liegen auf den Gräbern berühmter Rabbiner, deren Anhänger und Schüler sie dort platzieren um zu zeigen, dass ihr Lehrer oder Meister Anerkennung genießt. Die für uns einleuchtendste Erklärung ist folgende: Wenn Angehörigen von Verstorbenen den Friedhof besuchen, so legen sie zum Zeichen dafür, dass sie da waren, einen kleinen Stein auf den Grabstein.

Nach obenDer ehemalige Zeremoniensaal, die Klaus- und die Maiselsynagoge

alter jüdischer Friedhof
Iconalter jüdischer Friedhof

 

Gasse vor dem jüdischen Friedhof

 

Gleich neben dem Ausgang des alten jüdischen Friedhofes liegt der ehemalige Zeremoniensaal. Am Eingang zeigen wir der Hüterin artig unsere Eintrittskarten und werden von ihr sogleich belehrt „Hier ist fotografieren verboten”. Und zur Verstärkung ihrer Worte trommelt sie ganz nervös mit einem Finger auf die Tischplatte.

Die Ausstellung befasst sich mit Krankheit und Tod. Zu sehen sind unter anderem Bilder, die rituelle Waschungen oder das Begräbnisritual zeigen. Nicht umsonst wird der ehemalige Zeremoniensaal auch das Gebäude der Prager Beerdigungsbruderschaft genannt. Die Klaussynagoge kann man derzeit leider nicht besichtigen.

Die Maiselsynagoge - unser nächstes Ziel - liegt ein wenig weiter entfernt. Am Weg dorthin werden wir von einem Passanten angesprochen. Zuerst in tschechischer (vermuten wir) dann in englisch-ähnlicher Sprache versucht er uns von den Vorzügen eines Devisentausches bei ihm zu überzeugen. Vielen Dank nein, wir beziehen unsere Kc lieber aus dem Bankomaten.

ehemaliger Zeremoniensaal

 

jüdisches Rathaus

 

Das Gotteshaus stammt ursprünglich aus dem 16. Jahrhundert und wurde 300 Jahre später (nach dem Brand von 1689) im Barockstil renoviert. Ihren Namen erhielt die Maiselsynagoge vom reichen Kaufmann und Vorsteher der Judenstadt Mordechai Maisel, welcher den Bau finanzierte.

Wir schlendern an den Exponaten vorbei, bleiben bei dem einen oder anderen ein wenig stehen, aber der Funke will und will hier nicht so recht auf uns über springen. Macht nix, es gibt noch einige andere Synagogen hier im jüdischen Viertel.

Nach obenDie spanischen Synagoge

Skulptur vor der spanischen Synagoge

 

spanischen Synagoge
Iconspanischen Synagoge

 

Unser Weg führt uns ein paar Gassen weiter zur Altneusynagoge. Hups, wollen wirklich all diese Jugendlichen jetzt in die kleine Synagoge hinein? Danke nein, da kommen wir gerne zu einem anderen Zeitpunkt wieder. Also gehen wir weiter und abermals ein paar Gassen später stehen wir vor der spanischen Synagoge. Bevor wir eintreten, muss natürlich die interessante, surrealistische Skulptur neben dem Tempel fotografiert werden. Was will uns wohl der/die unbekannte KünstlerIn mit den fehlenden Händen, dem fehlenden Kopf und dem kleinem Mann auf den Schultern mitteilen?

Die spanische Synagoge diente ursprünglich den vor der unbarmherzigen spanischen Inquisition geflohenen sephardischen Juden als Gebetsstätte. Im 19. Jahrhundert ersetzte ein im Stil der Neo-Renaissance gehaltener Neubau mit maurischen Anklängen und Stilelementen, welche an die Alhambra in Granada (Spanien) erinnern, die an dieser Stelle rund 700 Jahre zuvor errichtete „Alte Schul”, Prags älteste Synagoge aus dem 12. Jahrhundert.

Groß und geräumig liegt sie vor uns - sofort werden in uns Erinnerungen an Spanien und den Mudejar-Stil wach. Das Interieur ist reich mit vergoldeten und ornamentalen Stuckaturen geschmückt. Wir sind vom reichen Schmuckwerk so fasziniert, dass wir das auch hier herrschende Fotografierverbot kurzerhand übersehen und mit kleiner List doch fotografieren.

spanischen Synagoge
Iconspanischen Synagoge

 

spanischen Synagoge
Iconspanischen Synagoge

 

Alexander wechselt zum 18 mm Weitwinkelobjektiv, lässt die Kamera zufällig um den Hals hängen und knapp bevor er den Verschluss betätigt bekommt Karin einen Hustenanfall damit des typische Klack-Klack-Geräusch einer Spiegelreflexkamera nicht quer durch die ganze Kirche hallt.

Am heimischen PC noch ein wenig die „Schieflage” korrigiert und fertig sind nette Innenaufnahmen der spanischen Synagoge .

Nach obenDie Altneusynagoge

Altneusynagoge

 

Altneusynagoge
IconAltneusynagoge

 

Wir nützen die Gunst der Minute und betreten die gerade nur spärlich gefüllte Altneusynagoge. Alexander hat ein wenig Probleme mit seiner Kippa (Kappel - Käppi). Dieses kleine kreisförmige Stück Gewebe, welches eigentlich seinen Hinterkopf bedecken sollte, will partout nicht halten und segelt immer wieder zu Boden. Bücken - aufheben - auf den Hinterkopf legen - unüberlegt nach oben schauen - und schon liegt sie wieder am Boden, seine Kippa.

Die Altneusynagoge ist der älteste noch aktive jüdische Tempel in Europa. Die im Jahr 1270 im frühgotischen Stil erbaute Synagoge zeugt von mittelalterlicher Baukunst in höchster Vollendung. Als Zeichen für das ewige Leben schmückt ein steinerner Weinstock das Eingangsportal, im Inneren überspannt ein fünfteiliges Gewölbe mit fünf Rippen in jedem Feld anmutig einen doppelschiffigen Raum. Mit diesem architektonischen Bravourstück konnte jeglicher Bezug zum christlichen Kreuz vermieden werden. Jüngster Bauteil ist das für Frauen bestimmte Seitenschiff aus dem 17. Jahrhundert.

Groß ist sie nicht, die Altneusynagoge. Aber der Gedanke, dass hier bereits der bekannte Rabbi Löw - Jehuda ben Bezal´el Löw - welcher mit der Legende über den geheimnisvollen Golem verbunden ist, wirkte, flößt Respekt und Ehrfurcht ein. Ein paar andächtige Staunminuten und ein paar verbotene Hust-Hust-Fotos später verlassen wir die Altneusynagoge und stehen wieder in der Josephstadt.

Altneusynagoge

 

Wir sind hungrig - wo in der Nähe können wir uns bitte traditionelle Speisen einverleiben? Knedliky und Strudel werden gesucht! Am Weg ein passendes Lokal zu finden - ansprechende Lokal gibt es hier genug, da ein netter Italiener, dort ein charmanter Chinese - bewegen wir uns in Richtung der Kirche St. Simon und Judas. Aus einem Kurzbesuch wird leider nix - alle Türen sind fest verschlossen.

Die Gegend hier ist etwas heruntergekommen - oder schreiben wir besser renovierungsbedürftig. Authentisch sehen die Gaststätten ja aus, aber wird man uns hier auch verstehen? Wie bestellt man, wenn die Speisekarte nur die Landessprache enthält und der Kellner keine Fremdsprache versteht? Also gehen wir lieber weiter und suchen ein für uns passenderes Lokal.

Bei Kolkovna - der Name klingt doch schon richtig tschechisch - in der V Kolkovne 8 bleiben wir hängen. Gemischtes Publikum (Einheimische und Touristen) laden ein. Karin wählt gebackenen Käse - Alexander Gulasch (etwas feurig) mit Serviettenknödel und Erdäpfelpuffer - beide trinken wir dunkles Bier dazu. Die Nachspeise - Birnenstrudel mit Nußeis - wird gemeinsam verzehrt. Schmeckt alles köstlich, mmmmmmmh!

Nach obenDas St. Agnes Kloster

im jüdischen Viertel

 

im jüdischen Viertel

 

Was tun wir jetzt? Synagogen haben wir für heute genug gesehen. Begeben wir uns nun ins Hotel und genießen ein verspätetes Mittagschläfchen - unsere vollen Bäuche rufen danach - oder doch lieber weiter Sightseeing? Zweiteres, denn die Nationalgalerie im St. Agnes-Kloster ist ganz in der Nähe und ruft nach uns.

Das St. Agnes Kloster ist das erste Klarissinnenkloster nördlich der Alpen und wurde um das Jahr 1232 von der Hl. Agnes von Böhmen, einer Tochter des Königs Przemysl Ottokar I., gegründet. Heute befinden sich in den weitläufigen Hallen Ausstellungen zum Thema mittelalterliche Kunst in Böhmen und Mitteleuropa.

Wenn Du alle Exponate der Nationalgalerie ausführlich betrachten möchtest, so sind wir sicher, dass Du mehr als ein ½ Tag Zeit benötigen wirst. Was es hier nicht alles zum Bestaunen gibt: Skulpturen, Einzelbilder und Bilderzyklen, bunte Altäre und viele weitere Kunstschätze stehen dicht an dicht aneinander gereiht. Alexander verliert etwas früher als Karin das Interesse - ihn schmerzen vom langen Stehen die Füße. Es gibt hier ja sooooooo viel zu bestaunen!

Eintritt in das Kloster St. Agnes: Kc 100.- (ca. € 3.80) pro Person

Nach obenDas Mucha Museum

Hotel Panska (Gegenüber dem Mucha Museum)

 

Nächster Halt Mucha Museum. Im Unterschied zum vorher besuchten St. Agnes Kloster wirkt das Mucha Museum richtig klein. 2 etwas größere Zimmer und das war es schon wieder. Nicht, dass dieser Umstand unser Interesse geschmälert hätte - die Ausstellung ist sehr sehenswert - ein wenig enttäuscht sind wir aber schon so rasch zum räumlichen Ende zu kommen.

Im letzten Winkel spielt eine DVD und erzählt Muchas Leben und Werdegang. Fein Sessel stehen auch davor, also setzen wir uns nieder, ruhen die müden Glieder aus und lassen uns ein wenig berieseln. Denkste - ein wenig ist nicht! Der Film ist überaus ausführlich wie auch lehrreich.

Beginnend mit seiner Geburt 1860 in Ivanice (Südmähren) über seine Übersiedlung nach Paris, seine ersten Plakate von Sarah Bernhardt in der Rolle der Gismonda, seiner Reise nach Amerika und der Rückkehr nach Prag, dem Entwurf von Briefmarken und Banknoten für den neu entstandenen tschechoslowakischen Staat, der Farbfensterverglasung für den Prager St. Veits-Dom - kurz von seinem gesamten Leben handelt der umfangreiche Film.

Eintritt Mucha Museum: Kc 120.- (ca. € 4.60) pro Person

Unser Heimweg führt uns zurück zum Altstädter Ring und zur Týn-Kirche. Nun, beim 3. Anlauf ist sie endlich geöffnet und wir treten voller Vorfreude ein. Geöffnet ist sie, aber nur die hintersten 5 m sind zugänglich - der Rest ist mit einer Kette abgesperrt. Obendrein sitzt hier auch noch ein Aufpasser, der mit Argusaugen peinlich darauf achtet, dass ja jeder das Fotografierverbot einhält. Alexander ist stinkesauer! Wisst Ihr, liebe Pfaffen der Týn-Kirche, behaltet Euch diese Kirche - sperrt Euch am Besten in Eure Kirche ein und werft den Schlüssel weit weg. Dann seid Ihr sicher unter Euch und werdet von keinem Touristen behelligt.

... bei nur ganz wenigen plusgraden Temperatur

 

Glasmusikspieler auf der Karlsbrücke ...
IconGlasmusikspieler auf der Karlsbrücke ...

 

Gleich neben der Týn-Kirche gibt es eine kombinierte Mucha- und Dali-Ausstellung. Uns geht es weniger um die Ausstellung - von einer sicher sehr ähnlichen kommen wir gerade - aber vielleicht hat dieser Shop unser gewünschtes Emailleschildchen mit Mucha-Motiv in passender Größe. Yes! Wir sind fündig geworden. Unser Mitbringsel für die Küchenwand haben wir nun.

Unsere müden Füße tragen uns nur mehr sehr schleppend weiter. Gemächlich näheren wir uns dem Hotel. Auf der Karlsbrücke hören wir - zuerst ganz leise, beim Näherkommen immer klarer - „Air” von Johann Sebastian Bach. Woher kommt denn die schöne Musik?

Ah, von da vorne, da steht ein Werkelmann oder doch kein Werkelmann? Je näher wir kommen, desto klarer wird die Situation. Hier wird Musik nicht mit einer Drehorgel sondern mit gefüllten Gläsern gespielt. Wir lauschen dem Künstler noch ein wenig und bewundern innerlich seine Ausdauer. Bei kaum Plusgraden Außentemperatur die bloßen Finger immer wieder in wassergefüllte Gläser zu tauchen benötigt viel Konsequenz.

Ein paar Fotos später - der Meister wirft sich dafür sogar mit den Worten „Attention please, a portrait of an artist is being made” in Pose - schlendern wir wieder weiter. Es wird schon dunkel und unsere Füße brennen höllisch. Für heute ist es genug - Gute Nacht - bis morgen in der Neustadt.

zu den FAQs und den Kommentaren
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