Odenplan & Humlegarden

Odenplan, Häuser mit rotem Tuch aus dem Fenster

 

Wieso ist es denn so hell? Wir wollten zwar später aufstehen, da es heute ohnehin erst ab ½ 10 Frühstück gibt, aber so spät … Ach so, es ist nicht die Helligkeit des fortgeschrittenen Tages, es ist Schnee, der draußen liegen geblieben ist und das bisschen Licht reflektiert! Na, dann stehen wir halt auf.

Beim Frühstück sind heute viele andere Gäste. Wir bekommen aber trotzdem einen der „gemütlichen” Plätze sprich eines der Sofas mit Kissen und Alexander kann es auch heuer nicht lassen, Karin mit ihrer Vorliebe für Kuschelfrühstück aufzuziehen. Manche Dinge ändern sich eben nicht, auch wenn die Jahre vergehen.

Die Gesichter der Mitfrühstückenden sind etwas blass und verknittert, wahrscheinlich schauen wir auch nicht ganz so rosig aus der Wäsche wie sonst. Dafür ist das Frühstück gut wie jeden Tag und überfordert den noch dämmernden Geist nicht mit irgendwelchen ungewohnten Neuigkeiten - sehr rücksichtsvoll!

Odenplan, Häuser mit rotem Tuch aus dem Fenster

 

Zurück am Zimmer packen wir unsere Fotorucksäcke und ziehen uns gegen Schnee und Nässe mehrschichtig an. Karin schlüpft in die mitgebrachten Fellstiefel und auch Alexander nimmt heute die Schnürstiefel. Mal schauen, wie uns der Winterspaziergang gefallen wird.

Draußen ist dann weniger kalt als matschig, denn der Schnee ist sehr feucht und schwer. Immer wieder waten wir durch graubraune Pfützen oder platschen gar hinein, wenn wir nicht aufpassen. Am Odenplan fällt uns auf, dass aus fast jedem Fenster rote Tücher gehängt wurden.

Zwar wissen wir, dass Rot eine traditionelle schwedische Weihnachtsfarbe ist, aber das war vor Neujahr bestimmt noch nicht so. Wir nehmen uns vor beim Heimkommen an der Rezeption nachzufragen, was es für eine besondere Bewandtnis mit diesen Tüchern hat.

Die Gustaf Vasa Kyrka sehen wir täglich von außen, waren aber noch nie im Inneren. Das wollen wir jetzt ändern! Es ist allerdings gerade Messe und da möchten wir nicht stören. Vielleicht am Retourweg.

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Humlegarden
IconHumlegarden

 

Humlegarden

 

So, was nun sprach Zeus? Im kleinen National Geographics Reiseführer hat Alexander etwas von einem schönen Park gelesen. Der Humlegarden, ein Park, der angeblich für viele, die in der City wohnen und arbeiten eine grüne Oase ist und gerne zum Picknick aufgesucht wird, hat eine nette Ursprungsgeschichte.

Gustav II. Adolf soll ein begeisterter Biertrinker gewesen sein. Darauf beruft sich auch die Brauerei Krostitz, die den goldenen König in auf ihrem Logo führt, weil dieser 1631 angeblich nach dem Genuss eines Labetrankes würzigsten Bieres dem Brauer zu Crostitz eine Goldring mit Garfunkelstein geschenkt haben soll.

Der Humlegarden ist sogar noch ein älteres Zeugnis der königlichen Vorliebe für Bier, denn er war Gustav Adolfs Hopfengarten für die Brauerei. Im 19. Jahrhundert wurden die königliche Bibliothek eingeweiht, die Statue des Naturforschers Carl von Linné enthüllt und des Königs Lustgarten schließlich auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und in einen Park umgewidmet.

Am ersten Tag im Neuen Jahr ist hier freilich wenig los. Carl von Linné spiegelt sich wohlgefällig in den graubraunen Pfützen, die der matschige Schnee auf den Schotterwegen bildet und einige wirklich tapfere Jogger nehmen ihre Neujahrsvorsätze noch besonders ernst und traben spritzend an uns vorbei.

Humlegarden

 

Humlegarden
IconHumlegarden

 

Wirklich viel gibt es nicht zu sehen, denn die Bibliothek hat am heutigen Feiertag zu. Sonst hätten wir uns hier den schwedischen Teil des WWW ansehen können.

Die königliche Bibliothek hat nämlich auch die Aufgabe, von allen schwedischen Druckwerken mindestens ein Exemplar aufzubewahren. Dies gilt auch für manche elektronische Publikationen und so archiviert die Bibliothek seit 1997 auch den schwedischen Teil des World Wide Web.

Vorerst war das Archiv wegen des Datenschutzes nicht zugänglich, aber seit 2004 darf man als Besucher der königlichen Bibliothek auf den dafür zur Verfügung stehenden Computern nun auf das schwedische WWW-Archiv zugreifen. Doch wie gesagt ist am heutigen Feiertag hier nichts zu wollen. Wir überlassen also den sich spiegelnden Herrn von Linné den Vögeln und Joggern und gehen zur T-Bana am Stureplan.

Unter dem berühmten Pilz beratschlagen wir, ob wir nun zur Moskén, der Moschee fahren sollen. Das Gebäude wurde 1903 ursprünglich als Elektrizitätswerk nach den Entwürfen des Architekten Ferdinand Boberg gebaut. Offensichtlich wurde der Zweckbau mit orientalischen Einflüssen versehen und im amrrokanisch-andalusischen Stil ausgeführt, sodass er für den Umbau in eine Moschee prädestiniert war. 2000 geschah das dann auch und seither bieten die ehemaligen Maschinensäle rund 2000 gläubigen Muslimen Platz.

Das klingt zwar einerseits hochinteressant, andererseits wird das Schneetreiben immer dichter und nasser. Außerdem wer weiß, ob heute offen ist und ob wir einfach so hineinspazieren dürfen. Die Bequemlichkeit gewinnt und wir nehmen die T-Bana zurück zum Odenplan.

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Gustav Vasa Kyrka
IconGustav Vasa Kyrka

 

Gustav Vasa Kyrka
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Als wir zu den Bushaltestellen waten sehen wir, dass die Gustav Vasa Kyrka noch immer offen hat, diesmal jedoch ohne, dass Messe gefeiert wird. Wir nehmen die Gelegenheit wahr und gehen hinein um uns alles anzusehen.

Es ist eine schöne Barockkirche in italienischem Stil. Hier am Altar befindet sich auch Schwedens größte Barockskulptur. Ursprünglich wurde der Altar vom Hofbildhauer Burchardt Precht für die Kathedrale von Uppsala angefertigt, dort jedoch im 19. wieder entfernt. Diese Gelegenheit nutzte die Gustav-Vasa-Gemeinde und kaufte das Stück für ihr Gotteshaus.

Die 60 m hohe Kuppel sowie die Mamorkanzel sind Entwürfe von Agi Lindgren und mit Gemälden von Vicke Andrén ausgeschmückt. In der Taufkapelle sehen wir ein weiteres interessantes Gemälde: es stammt von einem unbekannten niederländischen Künstler und ist aus dem 15. Jahrhundert.

Auch in dieser Kirche ist alles weihnachtlich dekoriert: rote Tücher sind wie vom Altar ausgehende Strahlen gespannt und es gibt eine große, liebevoll arrangierte Krippe seitlich der Bänke.

Davor sehen wir auch hier wieder eine Kinderecke mit Spielzeug und Bilderbüchern. In Schweden scheint man den Kleinen in den Kirchen ganz anders umzugehen als bei uns. Ein sympathischer und lebendiger Zug wie wir finden.

Gustav Vasa Kyrka
IconGustav Vasa Kyrka

 

Als wir alles betrachten kommt der Mesner, der bis jetzt mit dem Nachfüllen von Lampenöl beschäftigt war, zu Alexander und meint in gebrochenem Englisch, ob wir vielleicht Fragen hätten, die er beantworten soll. Äh ... nein, danke, sehr nett aber eigentlich haben wir eh einen Reiseführer und außerdem möchten wir jetzt wieder gehen.

Wir verlassen die Kirche und nehmen den 40er Bus zu unserem Hotel. Noch schnell beim Supermarkt ICA die Vorräte aufgefrischt und gleich an die Rezeption - wir wollen bitte wissen, was es mit den roten Tüchern am Odenplan auf sich hat. Die Rezeptionistin meint: „Oh, it's against the Galerian.” Hm, was meint sie damit? Ene Art Werbung vielleicht? Sie bejaht und wir gehen verwundert auf unser Zimmer. Kurz darauf sind wir wieder in den warmen Daunen und schlafen noch eine Runde. Man soll sich ja schonen am ersten Tag im neuen Jahr.

Das Rätsel der roten Tücher löst sich für uns erst, als wir schon wieder zu Hause in Wien sind und Alexander sich auf einer Messe mit einer Schwedin über diesen „Brauch” unterhält. Die Dame beginnt aus Interesse zu recherchieren und lässt uns die Information zukommen. Es handelt sich tatsächlich um den Protest der Anreiner rund um den Odenplan gegen ein Einkaufszentrum, welches die Stadtplanung mit einer 7 Jahre andauernd Baustelle errichten möchte und das die in Vasastan ansässige Mittelklasse keinesfalls haben will.

Durch das Heraushängen der „roten Flagge der Revolte” wehrt sich die ungefragte Bevölkerung gegen diese Art der städteplanerischen Bevormundung. Solcher Aktivismus scheint nun in der schwedischen Hauptstadt Schule zu machen, wurde er doch schon erfolgreich gegen ein schwimmendes Hotel im Riddarfjärden eingesetzt. Mehr zu den Protesten und den roten Tüchern ist auch zu lesen in einem Artikel in der Financial Times Deutschland.

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