Wien - Der St. Marxer Friedhof

St. Marxer Friedhof
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Heute ist der 1. Mai. Die Sonne lacht, der Himmel über Wien ist quietschblau, die Luft riecht nach allerlei blühendem Gesträuch. Karin summt eine alte Schnulze vor sich hin: „Wenn der weiße Flieder, wieder blüht…”. Flieder? Ha! Heute machen wir einen Ausflug auf den St. Marxer Friedhof. Zu keiner Zeit ist es dort schöner, als wenn der Flieder gerade blüht, der den morbiden Charme der halb­verfallenen Grabsteine erst so richtig zur Geltung bringt.

Uns Wienern sagt man ja sowieso eine sehr innige und etwas eigenartige Beziehung zum Tod nach. Diese spiegelt sich nicht zuletzt in den Ausdrücken wieder, welche im Wienerischen für Sterben verwendet werden, wie z.B. „die Patsch´n strecken”, „a Bankl reissn” oder „si in Holzpüschama legn” (sich in den Holzpyjama = Sarg legen), um nur einige zu nennen.

Dass Siegmund Freud den Todestrieb gerade in Wien entdeckte und Erwin Ringel hier Europas erstes Kriseninterventionszentrum für Selbstmordgefährdete gründete, passt ebenso ins Bild wie die Weinseligkeit, bei welcher der Wiener doch recht häufig „raunzert” und zu Tode betrübt werden kann.

Nach obenDer Tod auf der Landstraße

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Der Friedhof St. Marx befindet sich im III. Wiener Gemeindebezirk, Wien Landstraße. Er ist der einzige erhaltene Biedermeierfriedhof der Stadt, was dem Heimatforscher und Lehrer Hans Pemmer zu verdanken ist. Dieser setzte sich gegen die Umwandlung des Friedhofs in eine Parkanlage ein, so wie es z.B. mit dem ehemaligen Matzleinsdorfer Friedhof geschehen ist, an den nur mehr ein kleiner Grabmalhain im Waldmüllerpark erinnert.

Der St. Marxer Friedhof wurde unter Kaiser Joseph II. angelegt, der sich Ende des 18. Jahrhunderts vornehmlich aus Hygienegründen um eine allgemeine Reform des Wiener Bestattungswesens bemühte. Joseph II. verbannte alle Friedhöfe innerhalb des Linienwalls (des heutigen Gürtels) und verbot die Bestattung in den Kirchengrüften.

Ausgenommen davon war natürlich seine eigene Familie in der Kapuzinergruft, sowie die erzbischöflichen Beisetzungen in der Stephansgruft und das Kloster der Salesianerinnen.

Josephs platzsparende Schachtgräber und wiederverwendbare Sparsärge, die über eine Bodenklappe verfügten, fanden keinen großen Anklang. Die Kirche fürchtete um eine ihrer Einnahmequellen und die Bevölkerung wollte sich ihr Recht auf „a schene Leich” nicht nehmen lassen. Einzig die Errichtung „communaler Friedhöfe” in den Vororten außerhalb der Linien setzte sich durch und so wurde auch der Friedhof St. Marx im damaligen Vorort Landstraße in den Jahren 1784 bis 1874 belegt.

Nach obenRuhe in Frieden unter der Autobahn

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Heute ist der St. Marxer Friedhof eine Mischung aus Park, Freilichtmuseum und auch einem Ort der Stille, wenn man es schafft, die Geräuschkulisse der A23 Südosttangente für sich auszublenden. Nach einer kurzen anfänglichen Irritation - es mutet schon ein bisserl eigenartig an, dass die Autos so unmittelbar über den Gräbern vorbei brausen - gelingt uns das bestens und wir schlendern zwischen den Reihen hindurch.

Immer wieder entdecken wir sehenswerte Inschriften, die von biedermeierlichen Werten zeugen, wie z.B. „Hier ruhet seine Excellenz der hochwohlgeborene Herr Johann Limbeck Freiherr von Lilienau, Comandeur des öst. kais. Leopold-Ordens, wirklicher geheimer Rath und Vice Kanzler der k.k. vereinigten Hofkanzlei etc. etc. etc.” Da hatte der Freiherr doch wirklich so viel ehrenvolle Titel, dass man statt weiterer Aufzählungen einfach etc. schrieb.

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Dieser Grabstein ist keine Ausnahme. Viele der über 6000 Grabsteine tragen interessante und kuriose Inschriften wie z.B. die der Frau eines „bürgerlichen Küchengärtners und Hausinhabers-Gattin von Erdberg” oder die des „bürgerlichen Lust- und Ziergärtners-Sohn auf der Landstrasse No. 142”.

Künstler, Beamte, Architekten, Ritter, Kauf- und Edelleute, Erfinder, Fürsten, Kunstreiter, Maler, Mediziner, Münzgraveure, Tänzer, Tanzlehrer, Totengräber - alle liegen hier friedlich nebeneinander und liefern uns ein multikulturelles Bild der damaligen Zeit.

Beweint von Engeln, umkränzt von steinernen Blüten, bewehrt mit schmiedeeisernen Gittern haben hier einige Berühmtheiten ihre letzte Ruhestätte gefunden. Der stärkste Publikumsmagnet ist wohl das Mozartgrab, obwohl es nur eine Gedenkstätte und nicht das Original ist.

Wolfgang Amadeus Mozart wurde gemäß den Bestimmungen für ärmere Bürger in einem anonymen Schachtgrab beigesetzt, sodass die genaue Stelle später nicht mehr aufgefunden werden konnte. Das Denkmal wurde von einem Friedhofswärter aus Teilen ausgedienter Grabverzierungen gestaltet und steht an dem wahrscheinlichen Ort des Grabes.

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Auf unseren Wegen zwischen den Fliederbüschen lesen wir plötzlich einen Namen, der für uns auch ganz eng mit Wien verbunden ist: Basilio Calafati (auch als Kalafatti bekannt). Calafati wurde 1800 als Sohn eines Triester Teppichhändlers geboren. Auch er war ein Künstler, jedoch ganz anderer Art als der „Wolferl”.

Calafati tauchte ab 1820 als „Salamucci” im Wiener Prater auf, wo er anfänglich Salami und Käse verkaufte, dann als Gehilfe eines Zauberkünstlers arbeitete und schließlich in seinem Künstlerkabinett Geistererscheinungen zeigte.

Er kaufte ein Ringelspiel, dessen Obergeschoss er abtragen und den freistehenden Mast mit einer Riesenfigur verzieren ließ. Diese 9 m hohe Figur - „Großer Chineser” genannt - war von 1854 an fast 100 Jahre lang das Wahrzeichen des Wurstelpraters bis sie 1945 zerstört wurde. Seit 1967 ist eine Nachbildung des „Großen Chineser” samt Gedenktafel im Prater zu sehen.

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Berufsbezeichnung: bgl. Lust und Ziergärtner und Hausinhaber Wieden

 

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Berufsbezeichnung: Architekten und Dombaumeisters Gattin

 

Flieder
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Basilio Calafati starb am 27. Mai 1878 im Haus Prater Nr. 64. Gemäß seinen Wünschen wurde er in seinem schwarzen Hochzeits­anzug am St. Marxer Friedhof bestattet, wo wir den Gedenkstein jetzt hier in der griech­ischen Abteilung gefunden haben. Ein echter Wiener!

Vom Prater an Leib, Leben und sinnliche Genüsse erinnert, beschließen wir, den Toten ihre Ruhe unter den duftenden Blütenzweigen zu lassen und machen uns auf, in einem sonnigen Gastgarten den restlichen Feiertag zu genießen.

Nach obenweiterführende Links / zusätzliche Fotos

Weitere Informationen (Öffnungszeiten, Geschichtliches, …) zum Friedhof St. Marx findest Du auf der Seite der Stadt Wien: Der St. Marxer Friedhof. Zur vorab Orientierung und Planung, welches Grab Du besuchen möchtest, haben wir die Schautafel: Grabstätten von Persönlichkeiten hochauflösend fotografiert. Weitere Fotos des St. Marxer Friedhofes findest Du in unserem St. Marxer Friedhof Fotoalbum.

Nach obenBisher gibt es für diese Seite 2 Kommentare

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doris
schrieb am 1. Juni 2005

Diese Seite hat mir sehr geholfen, mich in die "richtige" Stimmung für den geplanten Besuch dieses Friedhofs zu versetzen. Die Mischung aus Fakten, Eindrücken und Anekdotenhaftem ist auf angenehme Art lehrreich!

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Thorsten Ude
schrieb am 30. August 2005

Für die heutige Zeit ziemlich beschämend, daß eine Berühmtheit wie W. A. Mozart noch immer in einem anonymen Schachtgrab liegen muß. Und das trotz modernster Archäologie, Pathologie, etc.!

 

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